Warum der erste Abend über alles entscheidet
Warum der erste Abend über alles entscheidet beschreibt einen Grundgedanken der Gemeinschaft Arcanara: Eine Gemeinschaft wächst nicht dadurch, dass mehr Menschen von ihr hören, sondern dadurch, dass jemand da ist, wenn sie zum ersten Mal kommen. „Neugier ist billig. Ankommen ist teuer."
Der Leitgedanke
Sichtbarkeit ist heute leicht zu bekommen. Ein Video, ein Beitrag, ein geteilter Link — und schon schauen Menschen zu. Das kostet niemanden etwas, weder den, der schaut, noch den, der zeigt.
Der schwere Teil kommt danach. Wer den ersten Schritt macht und irgendwo hineingeht, wo sich alle kennen, steht für einen Moment allein in der Tür. Was in diesen ersten Minuten passiert, entscheidet mehr als jedes Video zuvor.
Und dieser Moment liegt nicht in der Hand des Gastes. Er liegt bei denen, die schon da sind.
Warum ein schöner Ort nicht reicht
Der amerikanische Soziologe Ray Oldenburg hat in seinem Buch The Great Good Place (1989) Orte untersucht, an denen Gemeinschaft entsteht: Wirtshäuser, Cafés, Friseursalons, Vereinsheime. Er nannte sie dritte Orte — neben dem Zuhause und der Arbeit.
Oldenburg beschreibt acht Merkmale solcher Orte. Man kommt auf neutralem Boden zusammen, das Gespräch ist die Hauptsache, der Ton ist leicht, und jeder ist gleich viel wert. Aber ein Merkmal wird oft überlesen, und es ist das unbequemste: es braucht Stammgäste. Menschen, die regelmäßig da sind, den Ton setzen — und Fremde aufnehmen.
Ein schöner Raum ohne diese Menschen bleibt ein schöner leerer Raum.
Wenn eine Gruppe nach innen wächst
Der Politikwissenschaftler Robert D. Putnam unterscheidet in Bowling Alone (2000) zwei Arten von Bindung. Die eine hält eine Gruppe nach innen zusammen, die andere öffnet sie nach außen. Putnam benutzt dafür ein sehr anschauliches Bild: Die erste sei „eine Art soziologischer Sekundenkleber", die zweite dagegen „ein soziologisches Kriechöl".
Beides ist nötig, und beides gibt es meist gleichzeitig. Aber eine Gruppe mit viel Kleber und wenig Öl fühlt sich innen großartig an — und bleibt trotzdem unter sich. Nicht aus Unfreundlichkeit. Sondern weil niemand merkt, dass die Tür klemmt.
Nicht Werbung, sondern Vorbereitung
Es geht hier ausdrücklich nicht darum, mehr Menschen anzusprechen. Wer einlädt und niemanden auffangen kann, macht es schlimmer als jemand, der gar nicht einlädt. Der Gast geht dann nämlich nicht mit dem Gedanken nach Hause, dass gerade ein schlechter Tag war — sondern mit dem Satz: „Das war wohl nichts für mich."
Bei Arcanara heißt das ganz praktisch: Es gibt Abende, an denen bewusst niemand Neues eingeladen wird. Nicht weil niemand willkommen wäre, sondern weil an diesem Abend niemand Zeit hätte, jemanden in Empfang zu nehmen.
Ein kleiner Anfang
Der nächste Mensch, der bei euch neu ist — egal wo, im Verein, im Chor, am Stammtisch — braucht keine Rede und kein Programm. Er braucht dreißig Sekunden von jemandem, der schon da ist.
Geh hin. Sag deinen Namen. Frag, wie er hergefunden hat. Das ist alles.
Wer wartet, bis der Neue von selbst Anschluss findet, hat ihn meistens schon verloren.
Gemeinsam statt allein
Bei Arcanara gibt es keine Vordenker und keine Gurus — nur Menschen, die denselben Weg gehen. Wer zum ersten Mal ins Gemeindehaus kommt, wird von einem Menschen freigeschaltet und in den Gästebereich begleitet, und jemand kommt dazu. Ein Mikrofon ist dabei Voraussetzung, und das hat einen Grund: Es geht um deine Stimme, nicht um deine Anwesenheit.
Der beste Abend für das erste Mal ist der Stammtisch am Mittwoch um 19:30 Uhr. Dann sind viele da.
Weblinks
- Dritter Ort (Wikipedia)
- The Great Good Place (englische Wikipedia)
- Sozialkapital (Wikipedia)
- Offener Abend bei Arcanara
Siehe auch
- YouTube: „Wissen entfalten — Folge 8: Warum der erste Abend über alles entscheidet"
