Warum aus Gästen Freunde werden dürfen

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Warum aus Gästen Freunde werden dürfen beschreibt einen Grundgedanken der Gemeinschaft Arcanara: Wer neu dazukommt, braucht zuerst jemanden, dessen Gast er ist – und später jemanden, der ihn mit anpacken lässt. „Einen Gast bedienst du. Ein Freund darf mit in die Küche."

Der Leitgedanke

Viele Gruppen sagen von sich, sie seien offen. Trotzdem steht der Neue oft allein in der Ecke. Das liegt selten an Unfreundlichkeit. Es liegt daran, dass Offenheit eine Haltung ist, und eine Haltung kann eine ganze Gruppe haben, ohne dass einer etwas tut. Gastfreundschaft ist dagegen eine Handlung: Da hat jemand einen Gast. Wenn bei dir zu Hause jemand klingelt, fragt niemand, wer aufmacht. In einer Gruppe könnte es jeder sein – und genau deshalb ist es oft keiner.

Der Gedanke kam von außen. Unter einem Video der Reihe „Wissen entfalten" fragte ein Zuschauer: „Kann man das auch Gastfreundschaft nennen? Sehe ich den neuen Ankömmling als Gast, als möglichen neuen Freund?" Beide Fragen tragen diesen Artikel.

Warum sich in einer Gruppe niemand zuständig fühlt

Die Sozialpsychologen John Darley und Bibb Latané haben 1968 untersucht, wie Menschen reagieren, wenn jemand Hilfe braucht. Die Versuchspersonen saßen allein in einer Kabine und hörten über eine Sprechanlage, wie ein anderer Teilnehmer einen Anfall bekam. Wer glaubte, als Einziger zuzuhören, holte in 85 % der Fälle Hilfe, bevor der Anfall vorbei war. Wer glaubte, vier weitere hörten mit, tat das nur in 31 % der Fälle. Die beiden nannten das Verantwortungsdiffusion: Je mehr andere da sind, desto weniger fühlt sich der Einzelne zuständig.

Wichtig ist, was sie nicht fanden: Die Zögernden waren nicht gleichgültig. Sie wirkten eher aufgewühlt und unentschlossen. Es ist also keine Kälte, sondern eine Lücke in der Zuständigkeit.

Eine große Übersichtsarbeit (Fischer und andere, 2011, über 7.700 Teilnehmende) bestätigt den Effekt – und zeigt, dass er in harmlosen Alltagssituationen eher stärker ist als in gefährlichen. Dass er auch die Begrüßung eines Neuen betrifft, ist eine naheliegende Anwendung, keine eigene Studie. Aber wer schon einmal an einem Abend dabei war, an dem alle dachten, ein anderer kümmert sich, kennt das Ergebnis.

Ein altes Wort mit zwei Seiten

Das deutsche Wort Gast ist sehr alt. Es geht auf eine indogermanische Wurzel zurück, die einen Fremden bezeichnete; mit ihr verwandt sind das altslawische gostĭ (Gast) und das lateinische hostis. Im Germanischen setzte sich früh die freundliche Bedeutung durch: der Fremde, der aufgenommen wird. Im Lateinischen wurde hostis dagegen zum Feind.

Besonders schön ist das lateinische hospes: Es bedeutet zugleich Gast und Gastgeber. Der Sprachforscher Émile Benveniste hat gezeigt, dass Gastfreundschaft in diesen alten Sprachen ein Verhältnis auf Gegenseitigkeit war – wer heute aufnimmt, wird morgen aufgenommen. Gast und Gastgeber sind keine festen Rollen, sondern zwei Seiten derselben Beziehung.

Im antiken Griechenland hieß diese Beziehung Xenia. Sie stand unter dem Schutz des Zeus Xenios, des Gottes der Fremden. In Homers Odyssee sagt der Schweinehirt Eumaios sinngemäß: Von Zeus kommen alle Fremden und Bettler, und auch eine kleine Gabe ist willkommen. Xenia war aber keine Einbahnstraße: Auch der Gast hatte Pflichten.

Gast oder Freund

Einen Gast bedient man. Man stellt ihm etwas hin, räumt hinterher ab, und er soll sich um nichts kümmern müssen. Ein Freund darf mit in die Küche: Er hilft beim Abräumen, ohne dass man ihn fragt – und man lässt ihn.

Immanuel Kant hat 1795 in Zum ewigen Frieden genau diese Grenze gezogen. Jeder Fremde habe ein Besuchsrecht: das Recht, „seiner Ankunft auf dem Boden eines andern wegen von diesem nicht feindselig behandelt zu werden". Ein Gastrecht, also das Recht, für eine Zeit „zum Hausgenossen" zu werden, habe er dagegen nicht; dafür brauche es einen „besonderen wohlthätigen Vertrag". Kant spricht hier über Staaten und Völker, nicht über Vereine. Aber die Unterscheidung trägt auch im Kleinen: Freundlich empfangen zu werden, ist etwas anderes, als hereingenommen zu werden. Das Zweite geschieht nicht von selbst. Es braucht jemanden, der es will.

Der Philosoph Jacques Derrida hat später gezeigt, dass zwei Dinge immer nebeneinander stehen: die unbedingte Gastfreundschaft, die jeden aufnimmt, ohne zu fragen, und die alltägliche, die Regeln und Grenzen hat. Keine von beiden kommt ohne die andere aus.

Woran man merkt, dass es so weit ist

Am ersten Abend ist ein Neuer Gast, und das soll er auch sein dürfen. Die Frage ist nur, ob man ihm irgendwann die Küchentür aufmacht. Meistens merkt man es daran, dass er selbst fragt: „Kann ich was helfen?" Dann kommt es darauf an, was er hört. „Ja, nimm das hier" – oder „Lass mal, wir machen das schon".

Das Zweite ist höflich. Und genau damit hält man Menschen auf Abstand. Wer immer nur Gast bleiben darf, geht irgendwann wieder. Nicht im Streit – er kommt einfach nicht mehr.

Für diesen Übergang gibt es Hinweise aus der Forschung, wenn auch nicht aus Vereinen. Eine Langzeitstudie zum US-Freiwilligendienst AmeriCorps (McBride und Lee, 2012) fand, dass Freiwillige ihren Dienst eher zu Ende brachten, wenn ihre Einsatzstelle ihnen half, eine Beziehung zu einer festen Ansprechperson aufzubauen. Bei Berufseinsteigern zeigt eine Übersichtsarbeit (Bauer und andere, 2007), dass das Gefühl, angenommen zu sein, ein wichtiger Grund ist, zu bleiben.

Ein kleiner Anfang

Dafür braucht es keinen Plan und kein Amt. Es reicht, wenn an einem Abend einer sagt: „Heute bin ich mal Gastgeber." Wer das sagt, weiß: Wenn heute jemand Neues kommt, ist das mein Gast. Ich gehe auf ihn zu, ich erkläre, was er wissen muss, und ich frage ihn beim nächsten Mal, ob er mit anpacken mag.

Und irgendwann ist der Gast von damals selbst der Gastgeber.

Gemeinsam statt allein

Bei Arcanara gibt es keine Vordenker und keine Gurus – nur Menschen, die denselben Weg gehen. Dazu gehört auch die Überzeugung, dass wir alle nur Gäste auf dieser Erde sind. Wenn das stimmt, können wir wenigstens gute Gastgeber füreinander sein.

Siehe auch

Quellen

  • Darley, John M.; Latané, Bibb: Bystander intervention in emergencies: Diffusion of responsibility. In: Journal of Personality and Social Psychology 8 (4), 1968, S. 377–383.
  • Fischer, Peter u. a.: The bystander-effect: A meta-analytic review on bystander intervention in dangerous and non-dangerous emergencies. In: Psychological Bulletin 137 (4), 2011, S. 517–537.
  • Kant, Immanuel: Zum ewigen Frieden. Ein philosophischer Entwurf. 1795. In: Kant's gesammelte Schriften (Akademie-Ausgabe), Bd. VIII, S. 341–386, hier S. 357 f.
  • Benveniste, Émile: Le vocabulaire des institutions indo-européennes, Bd. 1. Minuit, Paris 1969, Kapitel „L'hospitalité".
  • Pfeifer, Wolfgang u. a.: Etymologisches Wörterbuch des Deutschen, Artikel „Gast" (digitalisiert im DWDS).
  • Homer: Odyssee, 14, 57–58.
  • Derrida, Jacques: Von der Gastfreundschaft. Passagen, Wien 2001.
  • McBride, Amanda Moore; Lee, Yung Soo: Institutional predictors of volunteer retention: The case of AmeriCorps national service. In: Administration & Society 44 (3), 2012.
  • Bauer, Talya N. u. a.: Newcomer adjustment during organizational socialization: A meta-analytic review. In: Journal of Applied Psychology 92 (3), 2007, S. 707–721.

Weblinks