Warum man nicht alles teilen muss, um sich nahe zu sein

Aus Arcapedia

Warum man nicht alles teilen muss, um sich nahe zu sein beschreibt einen Grundgedanken der Gemeinschaft Arcanara: Wer einen neuen Ort für sich findet, muss die Menschen, die er liebt, nicht dorthin mitnehmen, um ihnen nahe zu bleiben. „Man muss nicht alles teilen, um sich nahe zu sein.“

Der Leitgedanke

Viele, die zum ersten Mal von einer Gemeinschaft wie Arcanara hören, haben dieselbe Sorge: Ich würde gern kommen, aber mein Partner, meine Familie oder meine Freunde halten das für Unsinn. Diese Sorge ist berechtigt und verdient eine ehrliche Antwort. Die Antwort lautet nicht „überzeuge sie“. Sie lautet: Du musst niemanden überzeugen, und du musst dich auch nicht zwischen ihnen und uns entscheiden.

Warum Überzeugen selten hilft

Wer begeistert von etwas Neuem erzählt, will meistens nur teilen. Beim anderen kommt aber oft etwas anderes an: Druck. Und auf Druck reagieren Menschen mit Abwehr. Nicht unbedingt gegen die Sache, sondern gegen das Gefühl, gedrängt zu werden.

Die Psychologie hat dafür einen Namen. Der Sozialpsychologe Jack W. Brehm beschrieb 1966 in A Theory of Psychological Reactance die Reaktanz: Wenn Menschen spüren, dass ihre Entscheidungsfreiheit eingeschränkt wird, sind sie motiviert, diese Freiheit wiederherzustellen. Wer zu einer Meinung gedrängt wird, rückt deshalb manchmal sogar weiter von ihr ab.

Aus der Gesprächsführung kennt man dasselbe Muster. William R. Miller und Stephen Rollnick nennen in ihrem Ansatz der Motivierenden Gesprächsführung den „righting reflex“: den Drang, dem anderen sofort zu zeigen, was richtig wäre. Ihre Beobachtung: Dieser Reflex erzeugt eher Widerstand und Rechtfertigung als Offenheit.

Erzählen statt einladen müssen

Hilfreicher ist es, zu erzählen, ohne etwas zu wollen. Nicht: „Das musst du dir unbedingt anhören.“ Sondern: „Ich hatte heute ein gutes Gespräch.“ Der erste Satz ist eine Aufgabe. Der zweite ist eine Einladung, die man auch einfach stehen lassen darf.

Hinter Skepsis steckt manchmal auch Angst: dass man sich verändert, dass man sich voneinander entfernt. Diese Angst ist nicht unbegründet, denn wer etwas Neues anfängt, verändert sich tatsächlich ein wenig. Eine ehrliche Antwort kann lauten: „Ich gehe nicht weg von dir. Ich habe nur einen Ort gefunden, an dem ich laut denken kann.“

Nicht: die Gemeinschaft gegen die Familie

Bei Arcanara muss niemand etwas gegen seine Familie durchsetzen. Wenn ein Mittwochabend jedes Mal zum Streit führt, ist der Frieden zu Hause wichtiger. Eine Gemeinschaft, für die man seine Beziehung opfern soll, ist keine gute Gemeinschaft.

Am Ende überzeugt selten ein Argument. Eher merkt der andere mit der Zeit, wie es einem geht. Und vielleicht fragt er dann irgendwann von sich aus. Vielleicht auch nie. Beides ist in Ordnung.

Raum im Zusammensein

Der Dichter Khalil Gibran hat diesen Gedanken 1923 in Der Prophet im Kapitel über die Ehe ausgedrückt: Zwei Menschen sollen zusammen sein, aber Raum in ihrem Zusammensein lassen, wie die Säulen eines Tempels, die getrennt stehen und doch dasselbe Dach tragen. Nähe bedeutet nicht, alles gemeinsam zu tun. Sie bedeutet, voneinander zu wissen.

Ein kleiner Anfang

Wer neugierig ist, darf den Partner einfach mitbringen. Im Gemeindehaus von Arcanara kann ein Begleiter mit am Rechner sitzen und zuhören. Es genügt, kurz zu sagen, dass noch jemand dabei ist. Dann kann er Hallo sagen, und niemand wird ihn zu etwas überreden. Und wenn er danach sagt: „Schön für dich, aber nichts für mich“, dann weiß er wenigstens, wo du mittwochs bist.

Gemeinsam statt allein

Bei Arcanara gibt es keine Vordenker und keine Gurus, nur Menschen, die denselben Weg gehen. Dazu gehört, dass jeder sein eigenes Leben mitbringt, mit allen Menschen darin, die diesen Weg nicht teilen.

Siehe auch

Weblinks