Galvanische Feinstromtherapie

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Die Galvanische Feinstromtherapie (auch: Galvanisierung, Galvano-Therapie) ist eine der am umfangreichsten dokumentierten Heilanwendungen im Bereich der Elektrotherapie. Gleichstrom mit sehr geringer Stromstärke (Milliampere-Bereich) wird kontinuierlich und schwingungsfrei durch das Gewebe geleitet. Begründet von Luigi Galvani, für die Heimanwendung ab 1896 durch J.P. Moser popularisiert (Der Elektrische Hausarzt, 304 Seiten).

Wirkmechanismen

  • Ionenwanderung → geladene Teilchen wandern entlang des Stromwegs durch das Gewebe
  • Durchblutungssteigerung → vasomotorische Nervenreizung → Überwärmung
  • Zellregeneration → Fibroblastenmigration, Angiogenese-Stimulation
  • Entzündungshemmung → Reduktion von Entzündungsmediatoren
  • Schmerzlinderung → über Nervenbeeinflussung und verbesserte Durchblutung
  • Ödemreduktion → Flüssigkeit wird in Lymphgefäße bewegt

Anwendungsformen

Form Beschreibung
Allgemeingalvanisation Strom fließt durch den gesamten Körper (Elektroden an Extremitäten)
Lokale Galvanisation Strom fließt durch ein bestimmtes Körperareal (z.B. Schulter, Knie)
Iontophorese Substanzen (Mineralien, Wirkstoffe) werden über Strom durch die Haut eingebracht
Vierzellenbad / Stangerbad Extremitäten oder ganzer Körper im Wasser mit Elektroden

Therapeutische Anwendungsgebiete

Indikation Evidenz Notizen
Schmerzen (Gelenke, Muskulatur) gut klassische Anwendung
Rheuma / Arthrose gut entzündungshemmend; Fallbsp.: Knie schmerzfrei nach kurzer Zeit
Fingergelenksarthrose gut Fallbsp.: schmerzfrei nach 3 Wochen täglich
Hüftgelenksarthrose / Kniegelenksarthrose gut auch refraktäre Fälle
Wundheilung stark (Studien) 2x schnellere Heilung bei ischämischen Wunden
Hyperhidrose (starkes Schwitzen) gut Leitungswasseriontophorese, etabliert
Durchblutungsförderung gut v.a. Extremitäten; hält stundenlang nach der Sitzung an
Arterienverkalkung / periphere Durchblutungsstörung gut Fallbsp.: ärztlich nachgewiesene Besserung nach 2 Jahren täglich
Narbenpflege mittel Iontophorese mit Wirkstoffen
Muskelverspannungen gut Entspannung durch Wärme + Ionisation
Ödeme / Geschwollene Beine gut Fallbsp.: nach 1 Woche täglich keine Schwellung mehr
Schlafstörungen gut besondere Dosierung erforderlich (sehr niedrig, < 0,25 mA); täglich 2x
Neurosen / nervöse Unruhe / Angst / Depression gut Zeitkrankheit; täglich 2x; in der UdSSR mit Gleichstrom behandelt
Suchterkrankungen (Alkohol, Nikotin, Tabletten) mittel täglich 2x; auch sehr chronische Formen
Fibromyalgie / Nerven- und Muskelschwäche mittel
Diabetes / Stoffwechselstörungen mittel
Muskelschwund (Atrophie) mittel
Blutdrucksenkung gut Körperlängsdurchflutung; Anode oben, Kathode unten
Sport & Fitness / Muskelregeneration gut galvanische Erholung nach Belastung
Schlaganfall-Rehabilitation mittel unterstützend; Fallbsp.: Beweglichkeit deutlich besser nach 1 Jahr
Akute Verletzungen (Sturz, Schwellung, Hämatom) gut Fallbsp.: Knieverletzung — Schwellung nach einer Nacht weg
Knochenbrüche / Wirbelfrakturen mittel unterstützend; Fallbsp.: Wirbelsäule wieder intakt nach 3 Monaten
Bronchitis / Atemwegsentzündungen mittel Fallbsp.: Entzündung nach 3 Tagen verschwunden
Harnkristalle / Harnsäureablagerungen in Gelenken mittel Ionenwanderung löst Kristalle allmählich auf
Nervenschäden (Unfälle, Verletzungen) mittel gezielte Feinströme positiv stimulierend
Viruserkrankungen (HIV, Hepatitis, Herpes, Tumoren) experimentell 1990 Einstein College NY: 50–100 mA beschädigt Proteinhülle von Viren

Dosierungshinweise (Wohlmuth-System)

Das Wohlmuth-Milliamperemeter hat einen Skalenbereich von 0–3 mA, farbig ausgelegt:

Bereich Farbe Anwendung
0–0,2 mA gelb Feinste Einstellung — Kopf, Herz, Daueranwendungen
0,2–1 mA grün Mittlere Einstellung — örtliche und Schmerzanwendungen
1–3 mA rot Starke Einstellung — Lähmungsanwendungen, nur nach Vorschrift

Regeln:

  • Immer mit kleinster Stromstärke beginnen — langsam einschleichen
  • Empfohlene Höchststärke: 1–1,5 mA (Wohlmuth); < 1 mA am wirksamsten (Krebs/Mehrwald)
  • Kopfanwendungen: nur 0,1–0,25 mA — niemals höher; langsames Einschleichen Pflicht
  • Nie abrupt schalten — Strom immer langsam zu- und abdrehend
  • Je feiner (< 1 mA) und je öfter → desto effektiver und anhaltender die Wirkung
  • Erstverschlimmerung in den ersten Tagen = gutes Zeichen (Körper reagiert); kurz warten, nicht abbrechen

Sitzungsrhythmus:

  • Optimal: 2x täglich, auch bei sehr chronischen Erkrankungen
  • Alternativen: 1x täglich 20 Min, mehrmals täglich 5 Min, oder Nachtschaltung
  • Geduld, Ausdauer und Regelmäßigkeit sind entscheidend

Polwirkung

Pol Elektrode Wirkung
Anode (+) rot beruhigend, hemmend, entwässernd, reduziert Drüsenaktivität
Kathode (−) grün erregend, aktivierend, erhöht Erregbarkeit, fördert Drüsenaktivität

Praxishinweise:

  • Herzerkrankungen / Blutdrucksenkung: Anode oben, Kathode unten am Körper
  • Schmerzstillung: Anode auf die schmerzende Stelle (beruhigend)
  • Lähmungen / Aktivierung: Kathode auf den betroffenen Bereich
  • Polwenden (Schalter W) wird angewendet, um Polwirkungen nach der Sitzung zu neutralisieren

Praktische Durchführung einer Sitzung

  1. Elektroden gut mit warmem Wasser anfeuchten und fest auf die Haut auflegen
  2. Stromwender auf N (Normal) oder W (Wenden) stellen
  3. Stromregler langsam im Uhrzeigersinn drehen bis zur gewünschten Stromstärke
  4. Während der Sitzung: Stromstärke am Zeiger kontrollieren
  5. Nach der Sitzung: Stromregler langsam auf 0 zurückdrehen
  6. Stromwender auf 0 schalten
  7. Leitungsschnüre aus Steckerbuchsen ziehen (Kurzschlussschutz)
  8. Bei Hautreizungen (Rötung, Brennen): Normal — entsteht durch HCl (Anode) und NaOH (Kathode) — Polwenden neutralisiert dies

Historische Geräte & Hersteller

Klassische deutsche Feinstromgeräte-Hersteller (meist 20. Jh.):

  • J.P. Moser — Pionier, Der Elektrische Hausarzt (1896)
  • Wohlmuth — Handbuch 1953 und 16. Auflage 1979 verfügbar
  • Schillings
  • Glückshofer
  • Authu
  • SDL (noch aktiv, Batterieservice)

Service/Repair: dfmshop.de — Batterietausch und Reparatur alter Feinstromgeräte

Literatur

  • Wohlmuth-Verlag: Handbuch zur praktischen Anwendung des galvanischen Feinstromes, 16. Auflage, Schlachters bei Lindau, 1979. (Nachdruck: Gesellschaft für Galvanische Heilkunde e.V., 2009)
  • Krebs, M.M.; Mehrwald, R.P.: Die Galvanische Feinstromtherapie. In: CO-MED, 12/2005.
  • J.P. Moser: Der Elektrische Hausarzt, 1896/1904.

Weblinks